Freitag, 24. Juli 2015

Ballkleid um 1810

Wie fange ich am Besten an?
Bild: Ela Müller
Bild: Ela Müller
...versuchen wir es so:

Vor ziemlich genau zwei Jahren durchstöberte ich den Stoffladen in meiner Heimatstadt und fand dort den so seltenen Baumwollmusselin, in rosa. Das ist zwar nicht meine Lieblingsfarbe aber für 8€ der Meter konnte ich nicht wiederstehen und nahm 4 Meter mit.
Einige Wochen später gab es den selben Stoff dann auch in weiß, da habe ich natürlich noch einmal zugegriffen.

Mir war von Anfang an klar, dass aus diesem Stoff ein Empirekleid werden sollte. Doch die Umsetzung war mir noch nicht ganz klar.
Letztes Jahr viel mir dann dieses Modekupfer auf:

Costume Parisien, 1810
Mir fehlt die Geduld für aufwendige Stickerein und auch wollte ich keinen zu sehr ausgeputzten Rock. Also passte es perfekt in meine Vorstellung von einem Ballkleid.

Nun fing ich an zu planen.
Diesmal wollte ich die damalige Silhouette genau aufnehmen also machte ich erst ein Korsett.
Da der Stoff sehr dünn ist habe ich mir einen Petticoat aus Baumwolle genäht. Das verwendete Schnittmuster ist "Bodiced Petticoat" aus der Schnittmustersammlung "Regency-Wardrobe" von La Mode Bagatelle.

Mein Petticoat


Zu diesem Zeitpunkt wollte ich die Nähmaschinenadel schwingen lassen. Daher sind hier viele Nähte mit der Maschine genäht worden.

Nun weiter zum eigentlichen Kleid.
Ich habe mir anfangs eine Zeichnung vom Kleid gemacht. Mir hilft das um über Schnitt (selbst erstellt) und Proportionen nach zu denken. Vieles entscheidet sich dennoch spontan.
Die Zeichnung mit den Stoffen
Ich habe mich dafür entschieden das Kleid komplett per Hand zu nähen und es hinten mit Bändern zu schließen. Das Futter (ein fester Baumwollstoff) ist nur bis zur hinteren Seitennaht und Schulternaht mit dem Oberstoff verbunden und wird mittels Nadeln geschlossen.

Die geöffnete Rürckenpartie
Unter der Brust habe ich ein Baumwollband eingenäht, welches nur im vorderen Teil fest genäht ist. Dadurch bleibt das Oberteil dort wo es hin gehört und das Unterbrustband aus Seide wird entlastet.

 
Das beschriebene Band unter der Brust
Anfangs wollte ich das Rockteil komplett flach einnähen und nur hinten im Bereich des Rückenschnitteils kräuseln. (Das Rockteil besteht aus 2x1,5m breiten Stoffbahnen.) Doch dies war trotz feinem Stoff nicht möglich. Es wellte sich und fiel überhaupt nicht schön. Also legte ich das Rockteil in Falten.

Die jetzige Faltenlösung

Bei meiner ersten richtigen Anprobe stellte ich fest, dass an der Schulter und an der voderen Naht meines Oberteils das Kleid abstand. Ich musste die Ausschnittspartie, da ich nicht wieder komplett alles auftrennen wollte, etwas einkräuseln. Dies ist nicht weiter schlimm da eine Rüsche über die besagte Stelle später gekommen ist.

 Anprobe: am Ausschnitt sieht man die gekräuselte Partie
Anprobe man sieht schon den tollen Faltenwurf
























Nun zur Ausziehr:

Die Rüschen habe ich aus dem weißen Musselin gemacht. Die schmale Rüsche am Ausschnitt sowie die am Ärmel sind aus 1 Inch (2,54cm) breitem Stoffstreifen gemacht. Die breite Rüsche ist 2 Inch (ca. 5cm) breit und wurde in der Mitte, mit Hilfe eines Punktstichs, gekräuselt. Die Kannten der breiten Rüsche, sowie eine Kannte der schmalen Rüschen wurden mit dem "Rolled Hem" Stich versäubert. Eine tolle Möglichkeit möglichst schmal zu säumen. Die zweite Kannte der schmalen Rüschen wurde mit dem "Rolled Whipped Gathers" Stich  (wird hier gut erklärt) versäubert und gleich gekräuselt.

An den Saum habe ich, wie auch im Modekupfer zu sehen, ein weißes Seidenband 2,4cm breit mit Punktstich angenäht.



Für das Brustband hatte ich erst die selbe breite an Seidenband vorgesehen, doch ich habe mich dann für ein 12mm breites Band entschieden. Dieses Band wird nachdem das Kleid angezogen ist angelegt und mittels Nadeln am rechten Platz gehalten.


Und nun kann der Ball kommen:

Bild: Ela Müller
Bild: Ela Müller
Bild: Ela Müller
Bild: Ela Müller
Bild: Ela Müller
Bild: Ela Müller
Bild: Ela Müller
Bild: Ela Müller
Bild: Ela Müller
Bild: Ela Müller
Bild: Ela Müller
Bild: Ela Müller
Bild: Ela Müller
Bild: Ela Müller


Bild: Ela Müller
Die Bilder wurden im Bauernhausmuseum Bielefeld, von meiner guten Freundin Ela gemacht. Vielen Dank nochmal dafür!
Bis zum richtigen Ball möchte ich mir noch ein Paar Handschuhe und eine Reticule machen.
Wie gesagt eigentlich ist rosa nicht meine Farbe ABER ich mag dieses Ballkleid schon jetzt sehr!
Bild: Ela Müller 
Bild: Ela Müller

Freitag, 10. Juli 2015

Kirtle um 1470

Gehen wir zurück ins Mittelalter. Genau gesagt um 1470 herum.

Für diese Zeit habe ich mir ein Kirtle (das damalige Kleid) geschneidert.
Im 15. Jahrhundert kam es auf, dass man das Rockteil des Kirtle ansetzt. Dafür gibt es verschiedene Möglichkeiten: kräuseln, falten oder ausstellen. Ich habe mich für Falten entschieden genauer gesagt das Rockteil ist in Kellerfalten gelegt worden.

Weiterhin ist es typisch für das 15. Jahrhundert, dass die Ärmelnaht hinten liegt. Durch den speziellen Zuschnitt ist es möglich, den Ärmel besonders eng zu machen ohne Bewegungsfreiheit einzubüßen.
Hier gut sichtbar die Ärmelnaht
Für mein Kirtle habe ich einen Wollstoff verwendet. Die Nestellöcher sind aus Wollgarn und das Nestelband ist ebenfalls Wolle hergestellt.  
Auf dem Weg zum Markt








Das Schnittmuster habe ich selbst konstruiert und die sichtbaren Nähte wurden mit der Hand genäht.

Und hier noch ein kleiner Tipp:
Ein gutes Buch bezüglich der Kleidung des Mittelalters ist "Mittelalterliches Schneidern: Historische Alltagskleidung zwischen 1200-1500 selbst gemacht".
Dieses Buch bietet einen guten Überblick der Kleidung der drei Jahrhunderte für Mann und Frau. Es gibt viele Schnittzeichnungen die Man(n) oder auch Frau für sich vergrößern und abändern kann.
Dennoch sollte man bedenken, dass hier nur allgemein eingegangen wird. Möchte sich man auf eine Region den Schwerpunkt setzten, sollte man auf jeden Fall weiter recherchieren.
Doch für Einsteiger und Neugierige ist dieses Buch empfehlenswert.
Wer des Englischem mächtig ist kann sich auch online die englische Version als pdf ansehen.